Social Media im Klassenzimmer

Mit der immer weiter fortschreitenden Durchdringung aller Lebensbereiche durch das Internet, wundert es im ersten Moment, dass Schulen, Orte an denen sich Digital Natives ballen, nicht stärker und vor allem aktiver im Internet und besonders in sozialen Netzwerken zu finden sind.
Auf den zweiten Blick ist diese Situation wenig verwunderlich. Zwar sind ein Großteil, wenn nicht sogar die Mehrheit, der Schüler im Internet aktiv, dies trifft aber nicht in vergleichbarem Maße auf die Lehrer zu. Die Lehrerschaft in Deutschland ist relativ alt. An vielen Schulen liegt das Durchschnittsalter im Lehrerzimmer jenseits der 40.
Zusätzlich findet man bei einigen Lehrern sogar eine feindselige Haltung gegenüber dem Internet (das ist allerdings ein separates Thema).
Diese Haltung ist letztendlich Schädlich für das Schulklima, die Medienkompetenz der Schüler und der Medienkompetenz der Lehrer sowie deren Ansehen bei Schülern, Eltern und in der Gesellschaft.
Es ist statt dessen ratsam, das Internet nicht nur für Projekte zu verwenden oder gar ganz auszuschließen, sondern es offensiv, konkret und zielgerichtet im Unterricht zu verwenden. Momentan wird lediglich geschimpft, auf Facebook und Myspace lauerten Perverse auf unsere Kinder, Gegenmaßnahmen findet man aber zu wenige.
Wesentlich zielführender ist es, die Schüler unter Anleitung ins Internet zu führen und ihnen zu zeigen, wie sie sich auf Social Media Plattformen richtig verhalten, wem sie welche Daten geben und was sie sonst noch bei Facebook machen können, außer ihre Zeit zu verschwenden.
Spontan fällt mir da der Fremdsprachenunterricht oder auch das selbstständige Lernen einer Fremdsprache, besonders Englisch, ein.
In der Mehrheit der Gruppen auf Facebook wird Englisch gesprochen. Hier kann man als Lehrer ansetzen. Man könnte Schüler anleiten, sich eine passende fremdsprachliche Gruppe aus einem ihrer Interessengebiete (Hobby, Band etc.) zu suchen und aktiv mit zu machen. Nach ca. zwei Wochen soll dann präsentiert werden, was in der Gruppe vor sich geht.
Schüler kommen so in Kontakt mit nicht-verschulter, lebender Sprache und können sich außerdem mit etwas beschäftigen, das sie interessiert. Außerdem bietet sich hier eine Chance, interkulturelle Kompetenz zu stärken, da man sie mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen anderer Nationen in Kontakt treten.
Außerdem kann man über soziale Interaktion im Web 2.0 hervorragend fächerübergreifenden Unterricht betreiben. Spontan fallen mir hier Natur und Technik und Englisch, Wirtschaft und Englisch, Kunst und eine romanische Sprache, Geschichte und Latein, Biologie und Englisch und jede beliebige Fremdsprache und Religion (!) sowie Religion und Sozialkunde ein. Anmerkung: Diese Beispiele fallen mir ein, während ich diesen Beitrag schreibe, ich habe nicht lange darüber nachgedacht.

Die Beispiele für Technik und Englisch bzw. Wirtschaft und Englisch erscheinen mir sehr offensichtlich. Gerade in den höheren Klassen (Mittel- und Oberstufe, also 9+) sollte es möglich sein, Projekte anzustoßen, bei denen Recherchen auf englischsprachigen Seiten (Wall Street, MIT etc.) notwendig oder wünschenswert sind. Ebenso offensichtlich sind Projekte in Geschichte und Latein. Hier geht es nicht nur um das römische Reich sondern um Primärquellen bis ins 18. und frühe 19. Jahrhundert, die ebenfalls alle in Latein abgefasst sind.
Den jeweiligen Fachlehren fallen sicherlich noch weitere Anwendungsbeispiele fächerübergreifender Unterrichtsprojekte ein, bei denen man das Internet (und nicht nur die Wikipedia) zu rate ziehen kann. Außer den fachlichen Zielen kann man den Schülern hier im übrigen auch Recherchetechniken, Quellenanalyse und Informationsbewertung vermitteln. Anders gesagt hat eine Information auf der Seite von Bild/Fox News/Daily Mail den gleichen Wert wie die auf der Seite der Zeit/New York Times/The Guardian?

Hier enden die Möglichkeiten des Internets im Klassenzimmer aber noch lange nicht. iTunes bietet z.B. den Service iTunes U, über den man sich kostenloses Unterrichtsmaterial (zum überwiegenden Teil in Englisch), auch in Form von Videos, herunterladen kann, das durchaus schon genug aufbereitet sind, um mit entsprechender Vokabel-Entlastung auch in deutschen Klassenzimmern verwendet werden zu können.
Auch Youtube hat nicht nur Musikvideos, Klatsch und Tratsch und Peinlichkeiten zu bieten. Kanäle wie Andromedas Wake bieten wissenschaftlich und unterrichtlich hervorragendes Material, The Young Turks modern aufgemachte Kommentare zur amerikanischen Politik. Auf Youtube kann man mit wenig Aufwand einige Perlen finden und parallel seine Schüler dazu animieren, selbst entsprechend gute Inhalte zu produzieren und ins Netz zu stellen. Dies steigert wiederum deren Medienkompetenz und zeigt ihnen außerdem, dass das Netz zu mehr gut ist, als (FYI: bewusst überspitzt ausgedrückt) Pornos zu suchen, Musik zu klauen und Klassenkameraden zu dissen.
Was mich allerdings zu einem eingangs erwähnten Punkt zurückbringt: Lehrer müssen selbst genug Medien- und speziell Internetkompetenz besitzen, um nicht nur über Facebook etc. zu schimpfen sondern den den Schülern auch vermitteln zu können, wie man sich auf diesen Plattformen und im Internet richtig verhält.

Faustregel 1: Was ich einem Fremden auf der Straße nicht erzählen/zeigen würde, zeige ich niemandem (NIEMANDEM) im Internet. Selbst wenn ich es einem Freund im Internet erzähle, weiß ich nicht, wie vorsichtig dieser ist.

Faustregel 2: Das Internet ist nicht anonym. Man wird auf peinlichen Bildern sehr schnell erkannt.

Faustregel 3: Das Internet vergisst nur sehr langsam. Unangenehme Daten können sehr lange gefunden werden.

Faustregel 4: Tummelt euch, im Internet. Knüpft Kontakte über Landesgrenzen hinaus. Macht in Foren mit, deren Sprache ihr sprecht. Übung macht auch hier den Meister.

Dies sind nur grobe Richtlinien, die aber zumindest eine grobe Marschrichtung vorgeben.

Ich were zu einem späteren Zeitpunkt nochmal auf diese Thematik eingehen. Genug für heute.

 

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